
Humes Gesetz im Athletiktraining — der Sprung, den niemand benennt
Humes Gesetz im Athletiktraining — der Sprung, den niemand benennt
Hume hat im 18. Jahrhundert eine der schärfsten logischen Beobachtungen der Philosophiegeschichte formuliert, und sie trifft das Athletiktraining mitten ins Herz.
Der Kern: Aus einem Ist lässt sich kein Soll ableiten. Aus beschreibenden Aussagen - Fakten, Messwerte, Beobachtungen — lassen sich logisch keine normativen Aussagen herleiten - Handlungsempfehlungen, Interventionsentscheidungen, Trainingsprescriptions.
Der Übergang vom Ist zum Soll ist kein logischer Schritt. Er ist ein Sprung. Und dieser Sprung erfordert immer zusätzliche Prämissen, die nicht in den Daten liegen.
Im Athletiktraining sieht das so aus:
IST: Der Athlet zeigt im CMJ eine reduzierte Rate of Force Development und ein KraftGeschwindigkeits-Profil, das in der geschwindigkeitsdominierten Zone schwach ist.
SOLL: Also trainieren wir mit leichten Lasten, hoher Ausführungsgeschwindigkeit und pliometrischen Elementen.
Das wirkt logisch. Es ist es nicht.
Zwischen dem Messwert und der Intervention liegt eine ganze Reihe versteckter Prämissen, die niemand ausgesprochen hat:
•dass dieser Testwert tatsächlich die sportrelevante Kapazität abbildet
• dass ein Defizit im Test ein Defizit im Spiel bedeutet
• dass die Verbesserung dieses Tests auf die Spielleistung transferiert
• dass dieser Faktor der limitierende und nicht ein begleitender ist
• dass die vorgeschlagene Intervention die effizienteste ist
• dass diese Priorität gegenüber anderen Trainingszielen gerechtfertigt ist
Keine dieser Prämissen steckt im Testwert. Sie kommen von außen. Sie sind normative und theoretische Setzungen - Wertentscheidungen, Annahmen über Kausalität, implizite
Modelle über Transfer und Adaptation. Und sie sind angreifbar. Das ist Humes Gesetz in der Praxis: Die Kraftmessplatte sagt dir, was ist. Sie sagt dir nie, was zu tun ist.
Der interessante Punkt für dein Analysegebäude ist, wo das Hume-Problem mit dem Emergenzproblem kollabiert.
Das Emergenzproblem sagt: Selbst wenn dein Testwert die Realität korrekt abbildet, ist er nur ein Ausschnitt eines komplexen, nichtlinearen Systems — er isoliert keinen echten Kausalfaktor.
Das Hume-Problem sagt: Selbst wenn du den Kausalfaktor isolieren könntest, würde daraus trotzdem keine Handlungsempfehlung folgen, ohne normative Zusatzprämissen.
Das heißt: Die Needs Analysis scheitert auf zwei unabhängigen Ebenen gleichzeitig. Erstens an der Beschreibungsebene — sie kann das System nicht vollständig abbilden. Zweitens an der Schlussfolgerungsebene — selbst eine vollständige Beschreibung würde die Prescription nicht erzeugen.
In der Praxis sieht dieser versteckte Sprung oft harmlos aus, weil die Normen so tief im professionellen Konsens verankert sind, dass niemand sie mehr als Normen wahrnimmt.
„Niedrige RFD bedeutet: Explosivkraft trainieren" gilt als evidenzbasierte Aussage. Aber sie ist eine Mischung aus Deskription und Norm, aus Befund und Werturteil — verpackt als wäre sie rein faktisch.
Das ist kein akademisches Problem. Es hat direkte Konsequenzen: Wenn der Sprung vom Ist zum Soll unsichtbar bleibt, werden die versteckten Prämissen auch nie überprüft. Die Frage, ob der Test wirklich das misst, was im Spiel zählt, wird nicht gestellt. Die Frage, ob der Transfer tatsächlich stattfindet, auch nicht. Das Trainingsprotokoll wirkt evidenzbasiert, weil es auf Messwerten beruht — aber die normative Architektur dahinter ist nie hinterfragt worden.
Für dein Coaching-Modell ergibt sich daraus eine klare Position: Der Sprung vom Ist zum Soll ist unvermeidbar. Kein Coaching ohne normative Entscheidungen.
Die Frage ist nicht, ob man diesen Sprung macht — die Frage ist, ob man ihn bewusst macht. Ob man die versteckten Prämissen benennen und begründen kann. Ob man das eigene Interventionsmodell als das behandelt, was es ist: eine informierte Wette, keine logische Ableitung. Das ist der Coach als Hypothesenentwickler, nicht als Datenleser.
